Botrytis im Weinbau verstehen:

Ertrags- und Qualitätsverluste vermeiden

Botrytis cinerea, auch Grauschimmel genannt, zählt weltweit zu den wirtschaftlich bedeutendsten Pilzkrankheiten im Weinbau. Der Erreger kann während verschiedener Entwicklungsstadien der Rebe auftreten und sowohl Ertrag als auch Qualität erheblich beeinträchtigen. Gleichzeitig spielt Botrytis unter bestimmten Bedingungen bei der Erzeugung hochwertiger edelsüßer Weißweine eine besondere Rolle.

Für Winzer, Berater und Betriebsleiter ist es deshalb wichtig, die Lebensweise des Pilzes, die begünstigenden Faktoren und die unterschiedlichen Schadbilder zu kennen.

Das Jahr 2026 war bislang von Trockenheit geprägt, wodurch viele Bestände unter Stress stehen. Dennoch sollte Botrytis weiterhin im Blick behalten werden. Wenn es in der jetzt einsetzenden Reifephase zu stärkeren Niederschlägen kommt, dann herscht durch das Abdrücken der Beeren erhöhte Botrytisgefahr. Berücksichtigen Sie dieses bei der Planung der Abschlussbehandlung und beachten Sie dabei unbedingt die geltenden Wartezeiten.

Botytisbefall. Quelle: S. Reimann

Botrytis ist weltweit verbreitet

Botrytis cinerea kommt nahezu überall vor, wo Wein angebaut wird. Der Pilz überwintert als Mycel oder Dauerspore auf abgestorbenem Pflanzenmaterial, im Rebholz sowie auf Ernterückständen. Im Frühjahr und Sommer verbreiten sich die Sporen über Wind und Feuchtigkeit in der Anlage.

Als Nahrungsquelle dienen dem Pilz unter anderem:

  • abgestorbene Blätter (z.B. nach Laubarbeiten oder Hagel)
  • Pflanzenreste (z.B. Blütenkäppchen nach verzettelter Blüte)
  • vertrocknete oder beschädigte Beeren (z.B. nach extremen Niederschlägen in der Reifeentwicklung oder Hagel)
  • krankes Pflanzengewebe (z.B. durch Oidiumbefall oder Stiellähme bei Magnesiummangel)

Dadurch steht in vielen Weinbergen ein dauerhaftes Infektionspotenzial zur Verfügung.

Welche Bedingungen fördern Botrytis?

Ein Botrytisbefall entsteht meist durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren.

Feuchtigkeit

Langanhaltende Blatt- und Traubennässe gilt als wichtigste Voraussetzung für Infektionen. Bereits mehr als zwölf Stunden Feuchtigkeit können die Sporenkeimung fördern. Auch hohe Luftfeuchtigkeit, Nebel oder feuchte Witterungsphasen während der Traubenreife erhöhen das Befallsrisiko deutlich.

Temperatur

Botrytis kann bereits bei niedrigen Temperaturen aktiv werden. Besonders günstige Bedingungen für die Entwicklung des Pilzes liegen jedoch im Bereich von etwa 15 bis 25 °C.

Hohe Stickstoffversorgung

Überhöhte Stickstoffgaben können zu weicherem Gewebe und empfindlicheren Beerenhäuten führen. Dadurch steigt die Anfälligkeit der Trauben gegenüber Botrytisinfektionen. Gleichzeitig können physiologische Störungen begünstigt werden, die zusätzliche Eintrittspforten schaffen.

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Botytisbefall. Quelle: S. Reimann

Verletzungen an den Beeren

Schäden durch Hagel, Insekten, Oidium, Sonnenbrand oder Wachstumsrisse bieten dem Pilz ideale Eintrittsmöglichkeiten. Besonders gefährdet sind kompakte Trauben, deren Beeren sich nach stärkeren Niederschlägen und hohen Temperaturen gegenseitig abdrücken.

Beeren beginnen sich gegenseitig abzudrücken. Quelle: S. Reimann

In der Folge tritt Saft aus. Quelle: S. Reimann

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Die verschiedenen Schadbilder von Botrytis

Botrytis kann im Laufe der Vegetation unterschiedliche Symptome verursachen.

1. Holzbefall im Winter

Der Pilz kann auf Rebholz und Rinde überdauern. Befallenes Holz zeigt Aufhellungen und graue Verfärbungen. Im Folgejahr können Austrieb und Knospenentwicklung beeinträchtigt sein. Besonders bei der Auswahl von Vermehrungsmaterial sollte auf gesundes Holz geachtet werden. Botrytis ist die größte Gefahr für Jungreben, die in der Rebschule bis zum Verkauf gelagert werden. Der Pilz verursacht Probleme beim Austrieb und somit bei der Anwuchsrate im Jungfeld.

2. Gescheinsbotrytis

Bei feucht-warmer Witterung können junge Gescheine bereits vor der Blüte infiziert werden. Befallene Bereiche verfärben sich violett, später braun und trocknen ein. Je nach Befallsstärke kann dies zu höheren Ertragsverlusten führen. Zudem können frühe Infektionen lange latent bleiben und später in der Reifephase dann massiven Befall auslösen.

3. Sauerfäule an den Trauben

Man redet von Sauerfäule, wenn die Trauben bereits vor der Reifephase von Botrytis befallen werden. Typischerweise verfärben sich die grünen Pflanzenteile rosa bis violett, später braun und trocknen ein. Ist der obere Stängelteil befallen, stirbt die Traube nach der Infektionsstelle komplett ab und fällt raus. Zu diesem Zeitpunkt kostet der Befall daher vor allem Ertrag

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Edelfäule – die Ausnahme von der Regel

Botrytis wird meist als Schadpilz betrachtet. Unter bestimmten Witterungsbedingungen kann er jedoch die sogenannte Edelfäule verursachen.

Dabei werden reife weiße Trauben befallen, wodurch Wasser aus den Beeren verdunstet. Zucker, Säuren und Extraktstoffe konzentrieren sich. Dieses Phänomen bildet die Grundlage für hochwertige edelsüße Weine wie Beerenauslesen oder Trockenbeerenauslesen.

Voraussetzung sind:

  • vollreife Trauben
  • warme und feuchte Bedingungen
  • anschließende trockene Phasen

Nicht jede Weinregion bietet dafür geeignete Voraussetzungen und nicht jeder Rebsorte ist für die Erzeugung von edelfaulen Weinen geeignet – besonders gut geeignet sind säurebetonte Rebsorten wie z.B. der Riesling

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Essigfäule – ein Sekundärkrankheitserreger

Setzt die Edelfäule allerdins bereits im frühen Spätsommer, zu Beginn der Reife ein, dann locken die verletzten Beeren Fruchtfliegen (Drosophila-Arten) an, welche dann Essigbakterien im Bestand verteilen. Die violetten Botrytistrauben färben sich rotbräunlich und es beginnt in der Anlage nach Essig zu riechen. Diese Trauben sind für ein qualitativ hochwertiges Lesegut nicht geeignet (flüchtige Säure = Nagellackentferner).

In Jahren mit großer Trockenheit und darauffolgenden starken Niederschlägen während der Reifephase kann diese Essigfäule ein massives Problem (in Bezug auf Menge & Qualität) auslösen. Vor allem die Rebsorte Riesling zeigt sich sehr empfindlich für das Aufplatzen der Beerenschale.

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Essigfäule nach Botrytisbefall. Quelle: S.Reimann

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Besonderheiten bei Sekt und Rotwein

Während Botrytis bei stillen Weißweinen unter Umständen erwünscht sein kann, wird in der Produktion von Sekten und Rotweinen der Botrytisvermeidung eine größere Aufmerksamkeit geschenkt.

Vom Botrytispilz gebildete Proteine können in der Sektproduktion eine übermäßige, unerwünschte Schaumbildung (Gushing) verursachen. Darüber hinaus verändert sich durch das Verletzen der Beerenhaut die Aromenzusammensetzung und es kann zur Bildung von Fehlaromen (Flüchtige Säure, etc.) kommen. Letztlich kann auch eine höhere Schwefelmenge notwendig sein, um den Sekt zu stabilisieren. Laccase, ein vom Botrytispilz gebildetes Enzym, baut die in den Beeren enthaltenen roten Farbstoffe (Anthocyane) ab und beeinflusst somit negativ die Farbqualität eines Rotweins. Darüber hinaus führt dieses Enzym zu einer vorzeitigen Oxidation und kann untypische Alterungsnoten hervorrufen.

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Botrytisbefall. Quelle: S.Reimann

Fazit

Botrytis cinerea gehört zu den komplexesten Krankheiten im Weinbau. Der Pilz kann während nahezu aller Entwicklungsstadien der Rebe auftreten und Holz, Gescheine, Stiele sowie Trauben befallen. Feuchtigkeit, Verletzungen und eine hohe Stickstoffversorgung erhöhen das Risiko erheblich. Während Sauerfäule und Stielfäule zu deutlichen Qualitäts- und Ertragsverlusten führen können, stellt die Edelfäule bei geeigneten Weißweinen eine besondere Ausnahme dar.

Für Weinbaubetriebe bleibt daher ein konsequentes Risikomanagement durch angepasste Laubarbeit, ausgewogene Düngung, lockere Traubenstrukturen und ein gesundes Bestandsmanagement der Schlüssel zur erfolgreichen Botrytisprävention.