Herbizidstrategien im Kartoffelbau
nach dem Wegfall wichtiger Wirkstoffe

Starke Spätverunkrautung in Kartoffel. Quelle: C.Fuchs
Unkrautbekämpfung in Kartoffeln 2026 – Strategien ohne Metribuzin
Mit dem Wegfall des Wirkstoffs Metribuzin steht die Unkrautkontrolle im Kartoffelanbau 2026 vor neuen Herausforderungen. Während sich der Verlust im Vorauflauf unter günstigen Bedingungen noch weitgehend kompensieren lässt, wird die Situation im Nachauflauf deutlich schwieriger. Die verbleibenden Wirkstoffe erfordern eine präzisere Planung, ein gutes Timing und ein noch stärkeres Verständnis der Standort- und Witterungsbedingungen.
Mit dem Wegfall von Metribuzin entfällt ein bislang wesentlicher Bestandteil der chemischen Unkrautbekämpfung im Kartoffelanbau. Für viele Betriebe bedeutet dies eine grundlegende Umstellung der strategischen Herangehensweise – sowohl im Vorauflauf als auch im Nachauflauf. Die verbleibende Wirkstoffpalette ist kleiner, spezifischer und oft anspruchsvoller in Bezug auf Feuchtigkeit, Bodeneigenschaften oder Kulturverträglichkeit. Gleichzeitig wächst die Bedeutung mechanischer Verfahren und eines präzisen, vorausschauenden Managements.
Dieser Beitrag bietet einen umfassenden Überblick über die veränderten Bedingungen, erläutert die Eigenschaften und Einsatzmöglichkeiten der verfügbaren Wirkstoffe, gibt praxisorientierte Empfehlungen und zeigt Grenzen wie auch neue Möglichkeiten auf.
Ausgangslage: Ein System im Wandel
Mit dem Verbot von Metribuzin entfällt ein Wirkstoff, der sich über Jahrzehnte als standardmäßiger Bestandteil der Kartoffelherbizidstrategien bewährt hat. Nachauflaufbehandlungen erfolgen meist als Not- bzw. Korrekturlösung, wenn im Vorauflauf etwas fehlgeschlagen ist oder auf humosen, sorptionskräftigen Standorten, auf denen eine Vorauflauf-Behandlung aufgrund der „Abpufferung“ der Wirkstoffe nicht mit ausreichender Wirksamkeit möglich ist. Diese Korrekturen lassen sich ohne Metribuzin nur noch eingeschränkt durchführen.
Metribuzin war besonders im Nachauflauf, ein wichtiges Element zur Kontrolle hartnäckiger Dikotylen, wie z. B. Nachtschatten oder Gänsefuß.
Ohne diesen Baustein ist die Situation wie folgt:
- Vorauflauf: Verlust ist zum Teil kompensierbar, vor allem bei gut abgesetzten Dämmen, Feuchtigkeit und passenden Bodeneigenschaften.
- Nachauflauf: Die Alternativen sind stark eingeschränkt. Praktisch stehen nur noch Rimsulfuron und Prosulfocarb zur Verfügung. Die vorhandenen Wirkstoffe erlauben weniger Risikopuffer und zwingen zu präziserer Arbeit.
- Zukunft: Pyridat (Onyx) könnte langfristig eine Rolle spielen, ist aber derzeit noch nicht in Kartoffeln zugelassen. Der Zusatz von Quickdown® + Toil® kurz vor dem Durchstoßen der Kartoffel gegen bereits aufgelaufene Unkräuter wird noch wichtiger, da die Blattwirkung vom Metribuzin fehlt. Das gilt ganz besonders für Standorte mit Nachtschatten!

Massiver Auflauf von Weißem Gänsefuß. Quelle: C.Fuchs
Gräserbekämpfung: Neue Herausforderungen ohne Flufenacet
Auch die Gräserbekämpfung wird anspruchsvoller. Mit dem Wegfall von Flufenacet (Aufbrauchfristen enden 2026) und Metribuzin nehmen die Schwierigkeiten zu. Neben ACCase-Hemmern bleibt Rimsulfuron (Cato) der einzige ALS-Hemmer im Kartoffelbau. Die Folge: Einzelne Problemungräser wie z. B. Weidelgras und Ackerfuchsschwanz lassen sich aufgrund von vielerorts stark ausgeprägter ALS-Resistenzen chemisch zukünftig schlechter kontrollieren.
Bedeutung des optimalen Anwendungszeitpunkts
Unabhängig vom Wirkstoff gilt: Der beste Bekämpfungserfolg wird im frühen Vorauflauf erzielt.
Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Wirkungssicherheit: Bodenherbizide wirken am zuverlässigsten, wenn die Kultur noch nicht durchgestoßen ist.
- Verträglichkeit: Bei Kontakt mit dem Laub kann es im Nachauflauf zu Aufhellungen oder Schäden kommen.
- Zielgenauigkeit: Vorauflaufapplikationen erfassen junge Unkräuter im empfindlichsten Stadium (Keimblatt/Keimschlauch).
Entscheidend ist, dass die Dämme ausreichend Zeit hatten, sich abzusetzen, und die Feuchtigkeit für eine ausreichende Wirksamkeit der anspruchsvollen Präparate gegeben ist.
Die genauen Zeitfenster für die Anwendung sind wirkstoffabhängig:
Aclonifen, Diflufenican, Flufenacet, Clomazone: spätestens 1 Woche vor Durchstoßen
Metobromuron, Prosulfocarb, Pyraflufen und Rapsöl-Methylester: bis kurz vor dem Durchstoßen
Ein kontinuierliches Beobachten des Wachstumsstadiums im Damm ist daher zentral:
Nach dem Legen ist es wichtig, das Wachstumsstadium der Kartoffeln im Damm zu beobachten. Nur so kann vermieden werden, vom plötzlichen Durchstoßen der Kartoffeln überrascht zu werden, mit der Konsequenz, dass eine Vorauflaufmaßnahme nicht mehr möglich ist. Je schwieriger die Bedingungen zur Vorauflaufanwendung sind, desto wichtiger ist es die Eigenschaften der Wirkstoffe zu kennen – dazu zählen die Wasserlöslichkeit, die Abbaurate sowie die Bindefähigkeit (siehe Tab.1).
| Wasserlöslichkeit der Wirkstoffe (aufsteigend) und Halbwertszeit DT50 | |||||
|---|---|---|---|---|---|
| Diflufenican | Aclonifen | Prosulfocarb | Metobromuron | Clomazone | |
| Wasserlöslichkeit * (mg/ml) | 0.05 | 1.4 | 13.2 | 328 | 1212 |
| DT50* (in Tagen) | 167 | 80 | 10 | 22 | 38 |
Tabelle 1: * Quelle: IUPAC Pesticides Properties DataBase
Einfluss von Bodenstruktur, Feuchte und Wirkstoffeigenschaften
Bodenstruktur und Feuchtigkeit
Ein gut abgesetzter Damm ist Voraussetzung für eine effektive Herbizidwirkung. Je stabiler und feuchter der Damm, desto besser funktioniert die Unkrautkontrolle. Durch einen frühen Dammaufbau wird zudem ein zügiger Auflauf von Unkräutern gefördert, sodass schon vor dem Auflaufen der Kartoffel ein Großteil dieser Beikräuter mit den typischen Vorauflauf-Herbiziden erfasst werden können. Bei schon aufgelaufenen Unkräutern kann eine Zugabe des stark blattaktiven Quickdown® + Toil® zur Herbizidmischung sinnvoll sein.
- Abgesetzter Damm: verhindert Abrieselung und schützt den Herbizidfilm
- Feuchte Böden: erleichtern Stofftransport in Richtung Keimorgane
- Trockenheit: reduziert insbesondere die Leistung weniger wasserlöslicher Wirkstoffe (z. B. Prosulfocarb, Aclonifen, Diflufenican)
In den vergangenen Jahren mussten Kartoffelerzeuger oft geduldig sein, da eine durchgehend trockene Witterung ohne Aussichten auf Niederschläge vorherrschte. In solchen Fällen kann es empfehlenswert sein 70 – 80 % der Aufwandmenge vorzulegen und kurz vor dem Durchstoßen mit Proman® + Boxer + Quickdown® + Toil® nachzubehandeln. Anders als bei den klaren Vorauflaufwirkstoffen wie Aclonifen, Diflufenican und Clomazone ist die Nachlage von Metobromuron (Proman®) sehr gut verträglich und kann eng ans Auflaufen platziert werden.

Stabiler, abgesetzer Damm. Quelle: C.Fuchs
Wirkstofftransport und Wasserlöslichkeit
Die Bodenfeuchte ist ein Schlüsselfaktor für die Wirksamkeit der Herbizide. Je geringer die Feuchte, desto weniger Wirkstoff gelangt in tiefere Bodenschichten – besonders relevant für tief keimende Unkräuter. Die Wasserlöslichkeit der Wirkstoffe macht den Unterschied, denn sie bestimmt das Bindungsverhalten des Wirkstoffs im Boden. Eine hohe Wasserlöslichkeit des Wirkstoffes bedeutet eine bessere Übertragung des Wirkstoffes auf die Unkrautorgane (Wurzel, Hypokotyl und Keimblätter) auch bei niedrigen Bodenwassergehalten. Der Wirkstoff Clomazone besitzt die höchste Wasserlöslichkeit gefolgt von Metobromuron im mittleren Bereich. Prosulfocarb, Aclonifen und Diflufenican gelten als gering bis sehr gering wasserlöslich, verbleiben zum größten Teil in der oberen Bodenschicht und werden auch durch späte Niederschläge kaum verlagert bzw. eingewaschen. Bei trockenen Bedingungen erreicht entsprechend weniger Wirkstoff die Unkrautwurzel, wodurch insbesondere Unkräuter aus tieferen Bodenschichten schlechter bekämpft werden (Tab.1).
Abbauverhalten (Halbwertszeit)
Die UV-Einstrahlung und das Bodenleben (Mikroorganismen) führen mit der Zeit zum Abbau der herbiziden Wirkstoffe. Besonders bei trockenen Bedingungen wird der Abbau durch die Sonne beschleunigt sowie bei Böden mit einem engen C:N-Verhältnis.
Eine lange Halbwertszeit bedeutet: längere Wirkung, aber auch höhere Abhängigkeit von der Standortfeuchte.
Die größte Halbwertszeit (DT50) – also am langsamsten im Abbau – besitzen Diflufenican und Aclonifen. Danach folgen Clomazone und Metobromuron. Am schnellsten baut sich Prosulfocarb ab. Daraus ergibt sich: Prosulfocarb sollte vorzugsweise nahe ans Durchstoßen ausgebracht und mit länger persistierenden Partnern kombiniert werden, um die kurze Wirkungsdauer auszugleichen.
Besitzt ein Wirkstoff eine langsame Abbaurate und hat eine hohe Bindefähigkeit, kann er auch nach einem später erfolgendem Niederschlag noch immer eine zufriedenstellende Wirkung erzielen (Tab. 1).
Die wichtigsten Wirkstoffe 2026
Mechanische Verfahren: Wachsende Bedeutung
Mechanik gewinnt an Bedeutung, auch aufgrund der späten Bodenbedeckung bei Kartoffeln.
Striegeln
- optimal im Keimschlauch- oder frühen Keimblattstadium
- Blindstriegeln vor dem Auflaufen möglich
- Einsatz bis ca. 25 cm Staudenhöhe
p

Quelle: C.Fuchs
Hackgeräte und Häufler
- unverzichtbar für die Unkrautregulierung nach der Striegelphase
- Häufeln nach Schäden durch Starkregen verbessert die Bestandsentwicklung und unterdrückt Spätverunkrautung.
- Dämme sollten möglichst früh final aufgebaut sein, um Überschüttung zu vermeiden
Grundsatz: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“
Zu viele Durchfahrten erhöhen Risiko für Wurzel- und Stolonenverletzungen.
Spätverunkrautung: Ein wachsendes Thema
Je nach Sorte (v. a. Sorten mit kleinem Blattwerk) und Standort kann Spätverunkrautung zunehmend problematisch werden.
Mechanik alleine kann dies selten vollständig lösen – häufig bleibt nur eine Sikkationsbehandlung zur Unterdrückung.
p
Fazit: Flexiblere Strategien und höhere Präzision gefordert
Die Unkrautbekämpfung im Kartoffelanbau wird 2026 komplexer. Ohne Metribuzin müssen Vorauflaufstrategien genauer geplant und mechanische Maßnahmen stärker einbezogen werden.
Eine erfolgreiche Regulierung basiert künftig noch stärker auf:
- exaktem Timing
- angepasster Kombination von Boden- und Blattwirkstoffen
- sorgfältigere Beobachtung von Dammstruktur, Bodenfeuchte und Kulturentwicklung
- standortspezifischere Strategie inklusive Mechanik
Je nach Jahresverlauf wird die optimale Lösung oft eine Situationsentscheidung bleiben – mit guter fachlicher Grundlage jedoch gut beherrschbar.